Oszillation und Figur - aus den Ritterfragmenten
Bassfl – 2Vc -2Kb – Schl(2) – 2Klav
Auftrag des westdeutschen Rundfunks Köln anlässlich der Wittener Tage für neue Kammermusik 2004
für Bojidar Dimov - in memoriam
Roland Moser:
Innerhalb eines grossangelegten Romantik-Projekts, das mich seit 1970 beschäftigt (Heinelieder, Lebenslauf; Nach deutschen Volksliedern; Brentanophantasien) bilden die Rittefragmente seit 1996 einen eigenen, recht verzweigten Werkplatz.
Oszillation und Figur ist nach Einander tönend (für Bariton und vier Bassblockflöten) und Wenn Körper schmelzen... (für Bariton und Violoncello) die dritte Komposition aus diesem Stoffkreis, zu dem auch kleinere literarische Arbeiten gehören.
Auf Johann Wilhelm Ritter (1776 - 1810) stösst immer wieder, wer sich etwas eingehender in den Korrespondenzen der Romantiker umsieht (Novalis, Caroline Schlegel, Arnim, Brentano, Baader). Walter Benjamin hat mehrfach mit Nachdruck auf diesen merkwürdigen Naturwissenschafter hingewiesen, für den sich auch Goethe - freilich mit vorsichtigem Abstand - interessierte. Leider sind Ausgaben von Ritters Schriften zur Zeit schwer greifbar. Das vom naturphilosophischen Standpunkt aus wichtigste Werk sind die Fragemente aus dem Nachlasse eines jungen Physikers, eine Art Summa oder auch Testament, von Ritter selbst ein paar Wochen vor seinem frühen Tod publiziert.
Aus diesem Buch stammt auch das Zitat, das - unter vielen anderen Materialien - meinem Werk zugrunde liegt und das von der Bassflötes am Ende instrumental rezitiert wird:
«Wie das Licht, ist auch der Ton Bewusstsein. Jeder Ton ist Leben des tönenden Körpers und in ihm, was so lange anhält als der Ton, mit ihm aber erlischt. Ein ganzer Organismus von Oszillation und Figur, Gestalt ist jeder Ton, wie jedes Organisch-Lebendige auch. Er spricht sein Dasein aus».
Die Komposition besteht aus sieben Sätzen: zunächst fünf kurzen Charakterstücken in verschiedenartiger Besetzung, einem längeren sechsten Satz und dem schon erwähnten kurzen «Nachwort». Die Kombination von «natürlichen» Intervallen mit temperierten und die daraus entstehenden Interferenz-Phänomene, die in den meisten meiner Kompositionen berücksichtigt werden, , spielen hier eine ganz besondere Rolle. Die Basis des Ganzen bildet aber eine rhythmisch/metrische Konzeption zwischen «unwillkürlicher» Pulsation und «willkürlicher» freier Rede. J.W. Ritter: «Der Wille ist ohne Macht über das Pulsierende ... er ist das eingewelkte Pulsationsprinzip».
Collegium Novum Zürich, Heinz Holliger, Leitung
Ensemble Modern, Heinz Holliger, Leitung / Schweizer Erstaufführung: 10. Juni 2007