Rahel und Pauline
Sopran, singende Schauspielerin, Sax (Sopranino, Alt, Bar.), Akk, Git (auch 10-saitig), Vc, Schlzg
Auftragswerk von Pro Helvetia
Textquelle:
Rahel Levin Varnhagen
Briefwechsel mit Pauline Wiesel
Herausgegeben von Barbara Hahn unter Mitarbeit von Birgit Bosold
vormals C.H.Beck München 1997
Neuauflage Wallstein
Konzertfassung ohne Schauspieler ca. 80 Minuten
Alfred Zimmerlin über die Uraufführung von «Rahel und Pauline» am Lucerne Festival
Ein Drama der Wortmusik
Wo ist die Wahrheit im Leben?
Zwei Frauenschicksale aus der Frühromantik werden in «Rahel und Pauline – Briefszenen für eine Sängerin, eine Schauspielerin, einen Schauspieler und fünf Instrumente» (2005–07) des Komponisten Roland Moser auf der Bühne greifbar. Lebensnah und eindrücklich.
Das Werk wurde im Rahmen von Lucerne Festival im Luzerner Theater uraufgeführt – und gefeiert. Da ist die berühmter gewordene Rahel Levin Varnhagen (1771–1833), die mit allen Grössen des Geisteslebens der Zeit im Kontakt stand. Und da ist Pauline Wiesel (1778–1848), kaum oder bestenfalls bekannt als Geliebte des in den napoleonischen Kriegen gefallenen Prinzen Louis Ferdinand; sie lebte ausserhalb der gesellschaftlichen Konvention, sinnlich, expressiv.
Sprachräume
Während dreissig Jahren verband die beiden Frauen eine Freundschaft, von der ein sehr persönlicher, eigentümlicher Briefwechsel zeugt. Roland Moser bringt ihn auf die Bühne; er hat aus einer gut fünfhundert Seiten starken Korrespondenz ein Libretto geschaffen. Es wird geschrieben, gelesen, leise und laut, gesprochen, gesungen. Das Werk überquillt fast an Wortreichtum. Ist dort die Wahrheit? Wie auch immer: welche Worte, welche Kraft. Und was für Musik bringen diese Worte hervor: eine Musik, die oft aus der Sprache kommt, instrumentiert mit einem heterogenen kleinen Ensemble. Die Saiteninstrumente Violoncello und Gitarre sind tendenziell – aber nicht stur – der hochgebildeten, wortgewandten Rahel zugeordnet; sie selber wird durch die Schauspielerin Desirée Meiser verkörpert, die spricht und manchmal auch singt. Die Blasinstrumente Saxofon und Akkordeon begleiten die auch sprachlich luftige und eigenwillige Pauline, die durch die Sängerin Jeannine Hirzel dargestellt wird. Zwischen den beiden bewegt sich ein Schlagzeug, manchmal musikalisch, manchmal mehr als konkreter Geräuschemacher. So ist auch der Aufbau der von Simone Baumberger gestalteten Bühne: Links ist Rahels Interieur mit Corbusier-Sessel und Schreibplatz, sie selber zeigt sich ganz als moderne Frau (Kostüme: Kathrin Baumberger). Rechts, mit Perserteppichen, einem Stehpult, einer Chaiselongue und einer spanischen Wand ausgestattet, ist der Raum Paulines, einer attraktiven, körperhaften Frau. Im Hintergrund neben einem Garderobenständer sitzt der Schauspieler Ingo Ospelt, der in die Lebensabschnitte der Frauen einführt und stumm verschiedene Männerrollen gibt.
Unaufdringlich, mit vielen raffinierten Details lässt der Regisseur Peter Schweiger die beiden Frauen in diesen Räumen agieren. Jeder Gang, jede Bewegung wirkt natürlich und ist doch präzise auf den Punkt gebracht. Er hält sich dabei an Mosers Regieanweisungen in der Partitur, und das ist auch richtig so: Das Werk soll an der Uraufführung ganz im Sinne des Komponisten gezeigt werden. Und es trägt. Nie reisst während der eindreiviertel Stunden die Spannung ab. Was einerseits an der Inszenierung und der brillanten Interpretation und Darstellung (musikalische Leitung: Francesc Prat) liegt, andererseits aber auch an der genau ausgehörten (Zeit-)Dramaturgie Mosers: Es gibt Momente, wo die Musik ob der Fülle des Textes, seiner Rhythmik und Melodik fast zu ersticken scheint, doch genau dann lässt Moser Augenblicke des Nachdenkens, des Empfindens und Verweilens von grosser Eindringlichkeit entstehen. Da scheint etwas auf, was in der Frühromantik doch so wichtig war: das «sprechende Wort» Friedrich Wilhelm Schellings, das schöpferische, poetische Sich-Erschliessen von Welt. Dort ist Wahrheit. Am Schluss, hundertsechzig Jahre später, steht in einem Nachspiel der Schriftsteller Imre Kertész auf dem Berliner Potsdamer Platz (und er steht auch wirklich da, als Figur auf der Bühne). Die beiden Frauen lesen gemeinsam einen Abschnitt aus «Ich – ein anderer», wo Kertész über unser Verhältnis zur Geschichte nachdenkt. Das Werk klingt aus in einem auf dem Fell der grossen Trommel akustisch vergrösserten Schreibgeräusch. Trauer schwingt mit, Trauer über unseren grassierenden kulturellen Gedächtnisverlust. Auch eine Wahrheit.
Schöpfungsakt
Roland Moser war nicht offizieller composer in residence bei Lucerne Festival, aber fast als solcher präsent. Die Beschäftigung mit dem Wort, der Wahrheit im Sinne Schellings, ist für ihn durchaus ein Thema. Immer wieder setzt er sich in seinem Werk mit der Frühromantik auseinander. Einige Tage vor der Uraufführung im Theater wurden Mosers «Brentanophantasien» (1988 bis 1995), ein anderes, gut einstündiges Hauptwerk, das sich mit der Romantik auseinandersetzt, aufgeführt; exemplarisch und intensiv mit der Sopranistin Eva Oltivanyi, dem Bariton Kurt Widmer und der Pianistin Gertrud Schneider. Auch hier herrscht grosser Wortreichtum – doch wie anders. Über einer strengen, zwingenden Struktur und Form, welche auf dem Zyklus der «Zeiten» des Malers Philipp Otto Runge aufbaut, wuchern die risikoreichen Zufälligkeiten von Clemens Brentanos geradezu avantgardistischer «écriture automatique». Ein Schöpfungsakt par excellence. Worte und Musik voller Neuheit, die zur Auseinandersetzung einladen. Solche Werke finden sich im Schaffen Roland Mosers. Und für dieses Schaffen wurde er im Anschluss an die Aufführung der «Brentanophantasien» mit dem Kompositionspreis Marguerite Staehelin des Schweizerischen Tonkünstlervereins geehrt. Er hat ihn mehr als verdient.
Alfred Zimmerlin
15.09.2007 / NZZ
CD der Konzertfassung bei Solo Musica
Jeannine Hirzel, Mezzosopran
Désirée Meiser, Schauspielerin
Ingo Ospelt, Schauspieler
Viviane Chassot, Akkordeon
Käthi Gohl Moser, Violoncello
Marcus Weiss, Saxophon
Stephan Schmidt, Gitarre
Matthias Würsch, Schlagzeug
Peter Schweiger, Regie
Francesc Prat, musikalische Leitung