WAL
Acht Teile, sich ohne Pause folgend:
Prolog - quasi Adagio - quasi Scherzo - quasi Recitativi - quasi Passacaglia - quasi Cadenza - Echo - Epilog
Fünf solistische Saxophone: S,A,2T,B
Orchester: 4(Picc),4(Engl-Hn),4(B-Klar),4 - 8 (4 Wa-Tb),4,4,1 (KB-Tb)- Schlgz(2)- 14,12,10,10,8
Das Saxophonquintett wird solistisch eingesetzt.
Dem Werk liegt teilweise ein Gedicht von Günter Herburger (Der Gesang der Wale) zugrunde. Dessen Text ist nicht hörbar.
Walfischgesänge werden nicht imitiert.
für Käthi
Roman Brotbeck schreibt über WAL (Programmtext zur Basler Aufführung 7. Dezember 2013):
Es ist schwierig, die Qualität von Roland Mosers Musik zu beschreiben, denn sie entzieht sich einem einfachen Zugriff; Moser liebt das Paradoxe, Systeme, die scheitern, Dinge die "nicht stimmen". Moser liebt auch Rätsel und versteckte Botschaften: Zum Beispiel "spricht" im WAL, kurz nach Beginn des Stücks, eine Instrument eine zentrale Textstelle des Gedichtes Gesang der Wale von Günter Herburger, auf das sich Moser in seiner Komposition bezieht. Welchem Instrument wohl hat Moser diesen "Text" gegeben? Der Tuba oder den versammelten tiefenr Streichern? Nein, ausgerechnet dem Piccolo, jenem Instrument, das nicht einmal die die eingestrichene Oktave erreicht und mit dem man einen Wal zuallerletzt in Verbindung bringt. Und selbstverständlich "spricht" das Piccolo den Text nur, indem der Spieler sprechend bläst und in der Melodie die Wortbetonungen exakt übernimmt.
In diesem Text wird das Programm von WAL formuliert, aber nur der Piccolo-Spieler und der Dirigent bzw- der Besitzer der Partitur kennen es wörtlich; alle andern hören nur, dass da etwas gesagt wird, aber was genau, verstehen sie nicht. Und Sie möchten nun, dass ich hier dieses Programm offenlege? Ich tue es nicht, denn Sie würden wenig gewinnen, viel eher gar die Magie des Momentes ncht mehr spüren, diese unerhörte Spannung zwischen dem grossen und schweren Orchester und der fast "himmlisch" wirkenden Piccolo-Botschaft nicht mehr erleben können. Es ist keine Geziertheit, wenn Roland Moser wenig preisgibt von den Gedanken und Systemen, die hinter seiner Musik stehen. Denn das "Wissen" kann von der eigentlichen Qualität der Musik gerade ablenken. In WAL liegt diese Qualität im durchaus paradoxen Umgang mit dem schweren Orchester: Dieses wird nämlich in seiner schwere gar nicht ausgeschöpft, vielmehr schreibt Moser eine leichte und sehr bewegliche Musik, welche an die Schwerelosigkeit und Wendigkeit der Wale im Meer erinnert. Trotz ihrer Schwerelosigkeit entwickelt die Musik eine starke Sogwirkung. Und diese hat mit der speziellen Harmonik des Werkes zu tun. Früh schon hat Roland Moser nach Auswegen aus der harmonischen Einförmigkeit vieler Zwölftonstücke mit ihrer Dominanz von Septimen, Sekunden und und übermässigen Quarten gesucht. Diese Intervalle klingen zwar alle komplex, aber auch immer ziemlich ähnlich. Moser wurde in der Folge zum harmonischen Alchimisten, der er bis heute ist. In WAL zeigt sich dies in den unglaublich hellen und farbintensiven Klängen, vor allem aber in diesem harmonischen Sog, ohne je ins bekannte Auflösungsregister der tonalen Musik zu fallen.
Schon in den 1970-er Jahren beschäftigte sich Roland Moser mit jenen neuen harmonischen Räumen, die schliesslich in WAL realisiert wurden. Dabei war das Bild ad marginem von Paul Klee der entscheidende Auslöser: In der Bildmitte befindet sich ein roter sonnenähnlicher Punkt, an den vier Bildrändern kleben merkwürdige Gestalten, als wollten sie dem Bild entfliehen und würden sie vom Bilderrahmen eingesperrt. Der Punkt in der Mitte ist ein "Fluchtpunkt", nicht etwa weil sich die Gestalten nach ihm ausrichten, sondern weil sie ihm vielmehr zu entfliehen suchen. Zwischen dem zentralpunkt und den Rändern entsteht ein unterspannt-schwebender und wegen des roten Punktes leicht drehender Raum. Dieses Klee-Bild bildet die Vorlage für die Raumvorstellungen in der Komposition WAL. Moser verwendet eine einfache Leiter aus 36 Tönen, indem immer zwei grosse und eine kleine Sekunde einander folgen. Die Skala dreht sich so im Quartenzirkel durch alle "Tonarten", bis sie nach fünf Oktaven (und einer enharmonischen Verwechslung) zum Ausgangspunkt zurückkehrt. Die vier möglichen Transpositionen bewirken lediglich die Versetzung der Skala in andere Oktavlagen. Innerhalb einer Oktave ist die Leiter diatonisch, über die fünf Oktaven enthält sie aber jeden der zwölf Töne dreimal, so dass der Tonraum sich bildlich gesprochen um 360 Grad dreht, was zu dieser schraubenden und manchmal in sich drehenden Harmonik führt, die weder eine Auflösung findet noch finden will.
Grammont CTS-P 12-2
CD und Vinyl
ASIN: B0027LPDZM
Basel, 27. Mai 1983, Saal Volkshaus, öffentl. Produktion Radio DRS 2
Iwan Roth, Bernard Beaufreton, Marcus Weiss, Jean-Goerges Koerper, Peer Egholm: Saxophone
Sinfonieorchester Basel, Leitung: Mario Venzago
Zürich, 16. Mai 1984, Tonhalle, Konzert-Uraufführung
Iwan Roth, Bernard Beaufreton, Marcus Weiss, Jean-Goerges Koerper, Peer Egholm: Saxophone
Tonhalle-Orchester Zürich, Leitung: Mario Venzago